Warum erzählen uns Ernährungswissenschaftler so unterschiedliche Dinge?

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Für jede Studie gibt es eine Gegenstudie, jede Ernährungsform hat Hardcore-Fans und innige Feinde – warum ist das eigentlich so? Warum ist die simple Ernährung und das Wissen darum eigentlich so kompliziert (geworden)?

Das, was früher relativ einfach war – ein Nährstoff fehlt in der Nahrung, es gibt gesundheitliche Probleme, man versucht verschiedene Ansätze und findet die Lösung (wie für Skorbut z.B.) – gilt nicht mehr. Heute sind erstmals mehr Menschen auf dieser Erde die übergewichtig als untergewichtig sind. Zuviele Kalorien, zuviel schlechte Qualität – Zivilisationskrankheiten sind die Folge und die sind viel schwieriger zu behandeln. Sie entstehen langsam, sie sind in ein komplexes Geflecht aus Lebensstil, Ernährung und Umfeld eingebettet – und letztlich sehr persönlich. Was zu sehr unterschiedlichen Studienergebnissen führen kann.

Was sind nun die Probleme mit den Studien?

• Zunächst die Schwierigkeit, Zufallsstudien für große Ernährungsfragen zu organisieren. Zufallsstudien gelten ja als höchster Standard – 2 Gruppen bekommen entweder das Medikament oder ein Placebo und niemand weiß, wer was erhalten hat. Wenn das Medikament deutlich besser wirkt als das Placebo, geht man von einem positiven Effekt des Medikaments aus. Dieser Ansatz ist bei der Ernährung nicht zu gewährleisten, denn dann müssten sich die Teilnehmer ja an ein Lebensmittel/eine Gruppe von Lebensmitteln für lange Zeit halten und nichts, wirklich nichts anderes essen. Man müsste sie hier wahrscheinlich einsperren.
Ein nettes Beispiel dazu ist die große Womens Health Initiative – zwei Gruppen, eine sollte normal weiteressen, eine Fett stark reduzieren. Das über Jahre. Als die Forscher die Daten durchsahen kam die Erkenntnis: beide Gruppen haben letztlich das Gleiche gegessen.
Funktionell sind nur Kurzzeitstudien, wo die Probanden engmaschig untersucht und geführt werden können. Wobei: diese Studien zeigen nur kurzfristige Effekte und keine langfristigen Auswirkungen bestimmter Ernährung.

• Man muss auf Beobachtung setzten. Eine Gruppe bekommt z.B. fleischlose Kost, die andere Fleisch. Da vergleicht man dann die Gruppen, hat aber zusätzlich zu Frage der Befolgung der Vorschriften und der Frage nach allen anderen, konsumierten Lebensmitteln, noch Lebensstilfragen, die die Ergebnisse stark beeinflussen. Vielleicht hat eine Gruppe mehr Einkommen, bewegt sich daher mehr, raucht weniger, fährt eher Rad, hat weniger Stress, keinen körperlich fordernden Beruf etc. Da gibt es eine Menge „herauszurechnen“ (man liest dann „um die Faktoren XXX korrigiert“) …. trotzdem bleibt alles sehr vage.

• Man muss sich auf Eigenbeobachtungen verlassen. Also was habt ihr letzten Mittwoch genau gegessen? Wieviele Gramm genau von welchem Lebensmittel? Kaffee dazu? Wieviel Milliliter Milch? Und vorletzte Woche? Und im letzten halben Jahr? Jeden Tag? Wenn Forscher das dann analysieren, müssen auch der BMI, das Gewicht und die Plausibilität mit einfließen. Wer also nur Lichtnahrung zu sich nimmt, wird kaum über einen BMI von 30 verfügen.

• Ein ganz wesentliches Problem: jeder Mensch ist ein EINZIGARTIGES Projekt. Es gibt ihn in genau dieser Ausstattung (Mikrobiom), mit genau diesem Stoffwechsel und genau diesen Abläufen nur einmal auf dieser Welt. Verschiedene Menschen reagieren verschieden auf das gleiche Essen, aber auch man selbst reagiert durchaus nicht immer gleich. Dazu gibt es eine Studie mit 800 Teilnehmern von israelischen Wissenschaftlern. 800 Menschen, 46.898 Essen – und eine hohe Variabilität des Blutzuckers der Menschen sogar zu identischen Essen bei ein und derselben Person! Was heißt, dass einheitliche Ernährungsempfehlungen nur sehr eingeschränkt nützlich sind. Die Frage ist also mehr, wie die bioaktiven Komponenten aus der Nahrung mit den Darmbakterien interagieren. Dazu kommt noch die unterschiedliche Qualität derselben Nahrungsmittel. Eine Tiefkühlpizza und eine selbst gemachte sind beide „Pizza“ – der „Inhalt“ wird aber unterschiedlich und unterschiedlich nährstoffreich sein. Auch wenn ein Nahrungsmittel gegen ein anderes ausgetauscht wird, werden neue Problemstellungen entstehen. Bestes Beispiel: die Fett-Phobie. Ersetzt wurde das Fett aber durch Kohlenhydrate, mit der bekannten Übergewichts-/Adipositas-/Diabetes-Welle.

• Das bringt uns gleich zum Problem “Interessenskonflikt”. Man weiß heute, dass die Zuckerindustrie die Erkenntnisse „Fett ist schlecht, Zucker ist gut“ in den 1960er Jahren gekauft hat. Generell wird viel Wissenschaft durch die interessierte Industrie gesponsert.
Trotz all der schwierigen Bedingungen sind die Ernährungsstudien nicht nutzlos. Man weiß durch sie, wie schädlich Transfette sind, oder gezuckerte Getränke.
Generell gibt es ein paar Tipps – nicht nur eine Studie ansehen, sondern alle Info zu einem Thema berücksichtigen. Zeigen sie in die gleiche Richtung? Wenn unterschiedliche Studien in unterschiedlichen Settings mit unterschiedlichen Methoden zu ähnlichen Ergebnissen kommen, ist das eine guter, positiver Wegweiser.
Wichtig ist natürlich wer die Studie(n) gesponsert hat. Wenn alle von der betroffenen Industrie unterstützt werden, ist der Wert wieder eher im untersten Bereich angesiedelt.

Und grundsätzlich gilt ohnehin immer
• So bunt wie möglich
• So vielfältig wie möglich
• So natürlich wie möglich
• Regional, saisonal und qualitativ hochwertig
• Mit richtigen Lebensmitteln

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