Deutsch – Tschechische Geschichten

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Oder: eine anscheinend einfach Radtour, die ziemlich fordernd daherkommt.

Wir sind für die Tour von München über Regensburg nach Prag und weiter über Kutna Hora und Nove Mesto nach Brno (Brünn) nur 8 Tage unterwegs, denn anfangs denken wir, dass die 805km schon locker zu schaffen sein werden. Es kommen jedoch 5.919 Höhenmeter dazu, die vor allem in Tschechien zu klettern sind, wobei die „unspektakulären“ Abschnitte die schlimmsten sind. Das bringt schon an die Grenzen – auch wenn die neuerliche Hitzewelle nicht so schlimm wie auf der Venedig-Rom Tour war. Wobei: hitzetechnisch am ärgsten hat uns einstens der Po-Radweg zu schaffen gemacht.

Von Wien geht es morgens gemütlich per Westbahn nach Salzburg und von dort per Lokalbahn (Meridian) nach München. Durch die Baustelle rund um den Bahnhof manövrieren wir in das Herz Münchens – und direkt an den meisten Sehenswürdigkeiten vorbei – bis zur Isar, wo wir in den Isar-Radweg flussabwärts einfädeln. Das Rad kann man auf diesen ersten 3km nur schieben – und auch das nur langsam, denn die Menschenmassen drängen durch die Bayrische Hauptstadt.

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München

Nun führt die Route nach Norden, bzw. leicht Nord-Osten, wobei uns Isar, Abens bis zur Donau begleiten. Die ersten 42km sind flach und führen direkt entlang der Isar und auf unbefestigtem Untergrund. Viele Radler sind unterwegs, ist das doch der Ausflugsbereich der Städter. Kurz nach Freising – bei Marzling – wechseln wir auf den Abensradweg der durch die hüglige Landschaft des Hallertaus bis Bad Gögging führt. Der Hallertau ist übrigens das weltweit größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet und man durchfährt rollende Landschaften und kleine Dörfer. Das wiederum bedeutet: genug Wasser mitnehmen! Immer wieder geht es rauf und runter, meist um die 5% bis maximal um 8% Steigung. Das ist gut zu fahren, aber durch den späten Beginn und die Länge der Strecke durchaus anstrengend. Wir beschließen den ersten Tag nach 88km in Mainburg, der heimlichen Hauptstadt der Hallertau, wo sich alles um diese wichtige Bierzutat dreht.

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Rathaus von Mainburg

Am 2. Tag geht es weiter bis Regensburg (88km). Dazu folgen wir der Abens durch sanft gewellte Landschaft, vorbei am Wasserschloss von Train, durch Hopfenfelder und durch das sehenswerte Abensberg, wo Hopfen- und Spargelanbau die Region bestimmen. Reste einer Burganlage sind noch immer zu sehen. Auch in die Geschichtsbücher trug sich Abensberg ein, als hier die napoleonischen Truppen mit Hilfe der Bayern gegen die Österreicher gewannen.
Heute lädt mehr Kuchlbauers Bierwelt mit dem Kuchelbauer Turm (nach Plänen von Hundertwasser) zu Staunen und Verweilen ein.

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Kuchelturm

Bis Bad Gögging verläuft nun der Abensradweg weiter, in Eining mündet die Abens schließlich in die Donau und man wechselt nun auf den Donauradweg, der eindeutig mehr befahren ist – und mit E-Bikern bestückt! In Weltenburg gibt es das prachtvolle Kloster zu bestaunen und die älteste Bierbrauerei – und von dort nehmen wir das Schiff durch den eindrucksvollen Donaudurchbruch bis Kehlheim, wobei man am Ende der Fahrt noch das Befreiungsdenkmal (von Napoleon) auf der Anhöhe sieht.

Bis Regensburg folgen wir nun dem klassischen Donauradweg – flach, zum Teil unbefestigt und mit vielen Radfahrern bestückt.

Am 3ten Tag geht es von Regensburg entlang des Flusses Regen Richtung Norden aus der wunderschönen Stadt hinaus. Man folgt nun dem Fluss durch idyllische Landschaften nach Norden bzw. Osten, wobei es nur eine wirkliche Steigung von 13% gibt (etwa 1km lang). Ansonsten geht es rollend dahin. In Cham wechseln wir vom Regentalradweg auf den Chambtalradweg, der uns bis Furth im Wald an der tschechischen Grenze bringt. Hier wird gerade alles für den „Drachenstich“ aufgebaut, dem ältesten Volksschauspiel Bayerns, das jedes Jahr viele Zuseher anlockt. Wir machen hier Station, denn von Furth weg muss man zur tschechischen Grenze gut 100hm klettern – und nach 99 Tageskilometern ist eine gute Rast angebracht.

Tag 4 bringt also die Überquerung der Grenze und eine Überraschung, denn der Radweg ist sehr gut asphaltiert und super zu fahren. An was wir uns gleich gewöhnen müssen? An ständiges Auf- und Ab, rollende, bis SEHR rollende Strecken! (950hm!)

Der erste Halt ist im historischen Zentrum von Domažlice. Hier wurde im 13.Jhdt. eine befestigte Königsstadt zur Grenzsicherung errichtet, wobei die Choden diese Aufgabe übernahmen. Diese Volksgruppe lebt auch heute noch in diesem Gebiet.

Von Domažlice nehmen wir die gut ausgebaute und mäßig befahrene Straße 193 nach Horšovsky Tyn, denn die angeschriebene Bikeroute (Nummer 3) ist doch ziemlich „holprig“. Man spart sich dabei übrigens keine Höhenmeter, nur ein ziemliches Gerüttel für Rad und Gespäck.

In Horšovsky Tyn erwartet uns das prächtige Schloss mit Resten einer gotischen Burganlage.

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Horšovsky Tyn Burganlage

Von dort geht es steil (bis 10%) und sehr holprig über den Berg und durch die nächsten Orte bis Holyšov, wo wir wieder vom Radweg abweichen und die Straße Nummer 26 nach Stod nehmen. Sie ist gut zu befahren, zwar ebenso hügelig, aber mit richtigem Asphalt. Von der markierten Radstrecke wird sogar vom Bikeline indirekt abgeraten….. So geht es aber problemlos weiter bis Pilsen, das wir nach 99km erreichen.

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Pilsen

Die Fahrt nach Prag am 5ten Tag stellen wir uns trotz 121km relativ einfach vor. Nix da. Es wird sehr „zach“. Die ersten 40km absolvieren wir mit 13km/h im Schnitt, die Straßen sind zum Teil sehr schlecht, es geht über’s Land und durch sehr kleine Orte. Lebendig wird es, als wir in Revnice an den Fluss Berounka kommen, dem wir zur Mündung in die Moldau und weiter nach Prag folgen. In der Hitze und mit über 800hm war das keine leichte Übung.

Tag 6 heißt aus Prag hinaus suchen. Das funktioniert am Anfang recht gut, doch die vielen Neubauten lassen auch so manche Radtafel verschwinden. Doch mit Plan und GPS finden wir unseren Weg nach Lažne Toušen, wo wir in den Elberadweg einfädeln und dem Fluss bis Kolin flussaufwärts folgen. Man kann auf beiden Seiten des Flusses fahren – es sind aber immer „Rumpelpisten“ Teile dabei, so auch jetzt. Wobei das Stück von Velky Osek nach Kolin nun entlang der Straße geht und nicht mehr über Stock und Stein durch das Gebüsch. So kommen wir nach 105km und 450hm nach Kutna Hora, einem Weltkulturerbe.

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Kutna Hora

Tag 7 wird dann sehr spannend. Die lustige Geschichte „Eurovelo“ (sein oder nicht sein ist hier die Frage) haben wir schon ein paar Mal angeschnitten, und auch hier kommen wir damit in Berührung. Der Eurovelo 4 („Mitteleuropäische Route“) wird ja im Internet beschrieben – blumig und mit interaktiver Karte, die aber keine Kilometrierung oder Höhenmeter aufweist.

Daneben gibt es den Radweg Brünn – Prag mit Höhenprofil und Längenangabe mit den gleichen, wichtigen Orten. Nun denkt man vielleicht, wenn man Kutna Hora verläßt und R1 (Brünn Prag) und E4 (Eurovelo) auf einer Tafel findet – „passt, das ist das gleiche, man orientiert sich so“. Allein: nach 40km über JEDEN Hügel kündigt eine Tafel den Ort Hlinsko in 50km an. Das läßt die Hirne rotieren, denn jetzt werden die erwarteten 100 Tageskilometer mit einem Schlag zu rund 140! Das stimmt was nicht!

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Nur passierbar bei Niedrigwasser

Wir fahren tapfer bis Horni Bradlo und beschließen dort, die noch ausstehenden 23km bis Hlinsko durch die Fahrt auf der direkten Straße 343 auf 12km zu kürzen. Von Hlinsko suchen wir den kürzesten Weg nach Nove Mesto, unserem Tagesziel, und fahren die 343 weiter – und auf einmal haben wir die Tafeln des R1 auf dem Weg. Erkenntnis: die gehen nicht wirklich parallel! Das erfahren wir nochmals, als wir mit 9km Umweg nach Nove Mesto kommen, denn wir verpassen zum Schluss eine Abzweigung. Nove Mesto liegt als Etappe am Eurovelo 4, aber nicht am R1 von Brünn nach Prag!

Fazit dieses Tages: 123km und 1705hm, immer um die 7-9%, im Schnitt 5%. 44km der Tagesetappe gehen nur bergauf.

Mit dieser Erfahrung heißt es für Tag 8, den kürzesten Weg zu finden, und diesen zu fahren. Erkenntnis: er deckt sich mit dem R1, während der Eurovelo 4 in weiten Schleifen immer wieder abtriftet.

So kommen wir nach 82km und 711hm nach Brünn, wo es per Zug retour nach Wien geht.

Fazit: eine schöne, anspruchsvolle, bei Hitze fordernde Strecke!

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