Die Moldau – diesmal nicht von Smetana!

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Herausfordernd, wildromantisch, anstrengend, lohnend – ein Ritt über Stock und Stein und doch ein Flussradweg.

Ein Geständnis zu Beginn: wir sind nicht die Typen, die mit Zelt, Schlafsack und Isomatte schwer bepackt durch die Welt radeln. Wir lieben eine schöne Dusche, ein gutes Essen, ein ordentliches Bett am Abend. Wieso das als Einstieg für einen Flussradweg kommt? Weil „Moldauradweg“ mehr ein Konzept als eine Tatsache darstellt. Und wer dieses Abenteuer nicht gut plant, könnte sich mit Luchsen und Wölfen um eine Schlafstatt streiten, so er nicht vorher verdurstet ist. Allerdings: dort, wo wir absolute Einsamkeit erwartet haben, treffen wir immer wieder auf Schi-Resorts mit hunderten Wanderern/Bikern – was aber heißt: „ausgebucht“. Die ersten beiden Tage sind dafür von Touren durch einsame Dörfer gekennzeichnet. Was es dort gibt: eventuell eine Kirche (oft leer) und einen Löschteich. Sonst nix. Absolut nix.

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Aber beginnen wir der Reihe nach – und dazu gleich zwei Zahlen: wir radeln den „Moldauradweg“ 436km lang und überwinden dabei 6173 Höhenmeter. Übrigens: wer’s lieber flussabwärts hat, den erwarten 5584 Meter zum Raufklettern!

An einem Samstag früh geht’s los, der Railjet Graz-Prag bringt uns bis 13:30 in die „Goldene Stadt“. Vom Bahnhof direkt an die Moldau sind es nur ein paar hundert Meter, die wir begrüßt von heißem Luftschwall zurücklegen. Hoch „Annelie“ empfängt uns mit 36°C, was eher suboptimal ist, aber nicht anders zu organisieren war. Wir denken, dass die 80km schon nicht so schlimm sein werden, schließlich sind die ersten 30km ja auch flach entlang des Flusses. Naja, das stellt sich als veritabler Irrtum heraus, denn nach den (einzigen) flachen Kilometern folgen 50km mit 986 Höhenmetern durch kleine, böhmische Dörfer über wirklich jeden Hügel. Steigung immer irgendwo zwischen 2 und 10%. Es ist unglaublich romantisch ruhig, heißt, es gibt nix – auch kein Geschäft um Wasser zu kaufen. Also fragt „sie“ auftauchende Menschen nach Flüssigem – man ist sehr hilfsbereit! „Er“ würde lieber verdursten, als Wasser aus einem Schlauch …….

und auch wenn einmal eine Hinweistafel fehlt, sollte man fragen – das kann viele Kletterpartien ersparen! In Cholin finden wir dann endlich ein Gasthaus, um unsere Wasservorräte aufzustocken. Ab dort heißt es für uns: jeder hat 2 Flaschen Wasser als Reserve mit, auch wenn die über die Berge zu schleppen sind! In Cholin taucht übrigens das „Moldauradweg-Zeichen“ erstmals auf und begleitet uns dann bis Stozec, ca. 80km vor dem Ziel, wo die „Kalte Moldau“ das letzte Mal sichtbar ist: ein blaues, auf den Kopf gestelltes Dreieck mit Rad und Wellen. Der erste Radtag geht schließlich auch einmal zu Ende und wir sind wirklich „tot“. Das Feierabendbier zischt nicht, es verdampft. Und die laute Musik in der Nacht? Echt? Da war was?

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Tag zwei beginnt früh, wir wollen „in die Hitze“ fahren – und natürlich mit einer Kletterpartie. Es ist wirklich heiß, Pausen sind immer wieder angesagt. Wobei wir auf diesem Radweg auch immer wieder Schatten finden. Ein wichtiger Hinweis: es gibt VIELE Radwege in Tschechien, sie sind alle mit gelben Tafeln und einer Nummer markiert. Spezielle Markierungen, wie unser blaues Dreieck kommen dazu! Also nicht verwirren lassen, „unser“ Radweg ändert immer wieder seine Nummer, das Dreieck bleibt aber! Bis kurz vor Tyn an der Moldau geht es wieder durch kleine Dörfer, Wälder, über jeden Berg. Vor Kluky, ca 25km vor Tyn zweigt ein anderer Radweg nach Tyn ab. Wer diesem folgt spart sich keine Kilometer oder Höhenmeter, aber fährt auf einer einsamen, guten Landstraße näher an der Moldau. Wir bringen an diesem Tag 88km und 1160 Höhenmeter hinter uns.

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Am Hauptplatz von Tyn

Tag drei ist der „einfachste“. 70km bis Cesky Krumlov stehen am Plan, es werden „nur“ 867 Höhenmeter. Doch es schleichen sich bereits Steigungen bis zu 15% ein. Der schon gewohnte Charakter der Strecke ändert sich vor Ceske Budejovice, wo ein gut 10km langer Naherholungsraum direkt an der Moldau in die schöne Stadt führt. Nochmals geht’s von dort ordentlich über die Berge bis Cesky Krumlov, was absolut sehenswert ist. Das Hotel mitten in der Stadt ist urig, originell und hat super Speis und Trank!

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Cesky Krumlov

Tag vier beginnt mit ein bisschen Bangen – viele Höhenmeter (genau 1350) warten auf den 86 Kilometern. Aber die liegen gleich am Beginn, wir sind ja noch frisch …….. naja. Die Steigungen gehen allerdings bis zu 19% und das ist doch nicht ganz easy. Dafür können wir eine wunderbare Landschaft und tolle Orte (Rozmital, Rozmberk, Vissy Brod) genießen. Immer wieder kommt man auf dem Weg nach ordentlichen Steigungen wieder zu Moldau – sie hat sich über den ganzen Lauf in ein enges Tal eingegraben und hat sich als Dorado für Rafting entwickelt. Von Vissy Brod geht es hinauf zum Lipno Stausee – ein Paradies! Voll ausgebucht, tausende Urlauber, ein Sommer- und Wintersportort (ja, da gibt es ein Familienschigebiet!). In Frymburk bringt uns eine Fähre auf die andere Seite und wir radeln entlang des Schwarzenberger Schwemmkanals bis Nova Pec (auch ausgebucht!).

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Schwarzenberger Schwemmkanal

Hoch Annelie verabschiedet sich in der Nacht auf Mittwoch mit Blitz, Donner, Sturm und Starkregen – was machen wir? Zug? Bedeutet 7:30 Stunden und 4x umsteigen. Alternativen? Wir nehmen den Mut zusammen und fahren los. Man sieht zwar die Schäden, es ist aber nicht so schlimm und bis auf 1 Stunde Regenpause kommen wir gut voran. Heute stehen die großen Berge im Böhmerwald an, und das heißt wieder bis 19% und lange klettern. In Modrava wenden wir uns nach links, wir müssen ja nach Prasily, und klettern schon wieder. Verwirrung! Da stimmt was nicht! Die Lösung: es gibt hier gar keinen Moldauradweg mehr. Er endet in Stozec. Es gibt den Radweg Nummer „33“, super ausgebaut und markiert bis Bayrisch Eisenstein (Variante 1). Dazu es gibt den Iron-Curtain-Radweg, der durch das Biosphärenreservat geht (wie Bike Line beschreibt). Man fährt für diese Variante 2 Nummer „33“ bis Ceske Zleby, dann Iron-Curtain bis Modrava und wendet sich dort nach rechts (!) Richtung Srni und fährt „33“ zu Ende. Oder man macht’s wie wir und packt so noch gut 400 zusätzliche Höhenmeter drauf, um vor Prasily wieder auf den „33“er zu wechseln. Nach 110km und 1810 Höhenmetern geht auch diese Tour zu Ende – nicht einfach!

Von Bayrisch Eisenstein nehmen wir übrigens den Regental Radweg (ja, wir fahren ihn im Regen) bis Patersdorf und den Waldbahn Radweg bis Deggendorf – 72km und 960 Höhenmeter. Dann kann man sich zu den E-Bikes am Donauradweg gesellen …….

Resume: der Moldauradweg ist nur was für wirklich sportliche Fahrer! Wunderschön, fordernd. Wenig Gepäck! Und nein, E-Bikes finden keine Steckdosen!

Moldauradweg

5 Tagesetappen von Prag bis Bayrisch Eisenstein
Tagestouren zwischen 70 und 110km
Gesamt ca. 436km
Höhenmeter: 6173 flussaufwärts, 5584 flussabwärts
Anschluss: Radweg nach Linz oder Regentalradweg (Richtung Regensburg)
und Waldbahnradweg (Patersdorf bis Deggendorf), gesamt 72km
BESTE REISEZEIT: Mai bis September
ANREISE: per Zug bis Prag
Bikelineführer: Moldauradweg
Gefahren im Juli 2015

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