Un Italiano veró!

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Der Po-Radweg also – der soll es sein, schließlich planen wir ja schon seit gut einem Jahr, diesem Fluss einen Besuch abzustatten. Ein Bikeline Buch zum Thema gibt es – erstaunlich dünn, aber doch, aber wie ist das nun mit diesem „echten Italiener“?

Einschub: den Po-Radweg als übergeordnetes Konzept gibt es eigentlich gar nicht. Was es gibt ist eine Verbindung der schönsten, malerischsten oberitalienischen Städte (Mailand, Pavia, Piacenza, Parma, Cremona, Mantua, Ostiglia, Ferrara) mit dem großen Fluss und dem sehenswerten Po-Delta. Denn wie die Geografen unter uns wissen: weder Mailand noch Pavia, Parma, Mantua oder Ferrara liegen am Po 😉

Was es auch gibt, sind regional gut ausgebaute Wege am Po-Damm und Radwege, vor allem für die italienische Bevölkerung zum Genießen, denn bei unserem Nachbarn fährt man Rad ….. von Jungs in Gruppen bis zur Oma. Und es gibt eigentlich nur 2 Fraktionen: entweder man besitzt ein Rennrad und legt los, oder man besteigt sein City-oder-was-auch-immer-Bike.

Was man auch wissen sollte: ein Radwegkonzept wie z.B. der Donauradweg oder der Murradweg ist unbekannt. Trainingsausfahrt oder Bummel – aber Strecken mit Gepäck zurücklegen? Wer macht denn sowas?!

Zurück zum Po-Radweg und was es unbedingt braucht:

  • gutes Wetter. Ein Großteil des Weges verläuft am Po-Damm. Und da gibt es nix außer Sonne von oben – oder Wasser.
  • Eine Karte, ein Navi, einen Kompass, ein paar Geografiekenntnisse – wahlweise oder in Kombination. Ab Kilometer 130 von Mailand aus gesehen fahren wir Großteils am Damm (und sehen dort erstmals den besagten Fluss) – da kann man sich aber ohnehin nicht verfahren. Bis dahin und zum Teil dazwischen heißt es: suchen!
  • Spaß, Emotion, ein Faible für Italien und die Lebensart, den Rhythmus des Südens – und schon taucht man ein in die Welt des Italiano veró!

Nachdem der Bikeline Führer etwas kryptisch meint, man sollte vom Ende des Radweges in Gorino „die ca. 28km nach Codigoro radeln und dort die FER nehmen“, denken wir, in Codigoro loszustarten. Und diese Überlegung erweist sich als echter Glücksgriff! Um 7:54 soll der Zug der Privatbahn nach Ferrara gehen, dann noch in Bologna umsteigen – und schon sollten wir nach gut 5 Stunden in Mailand loslegen können.

Samstags früh sind wir um 7:00 startklar, allein der Schlüssel zum Fahrradschloss, das unsere beiden Gefährten sichert, bleibt verschwunden. Die gute und schlechte Nachricht: es braucht, als das Adrenalin wieder schwindet, keine 3 Minuten um das fingerdicke Schloss zu knacken.

Dann stellt sich noch heraus, dass der Gepäckträger des „Damenrades“ fehlt – Mann hat ihn abmontiert und vergessen, wieder zu montieren. Da muss Mann – ganz Gentleman – das Gepäck der Dame mitnehmen. Einschub – wir probieren, in Mailand einen Gepäckträger und eine Tasche zu bekommen. Hoffnungslos. Radgeschäfte führen Räder – siehe oben – aber Rennräder oder Cityräder. MTBs mit Gepäckträger führen zu leichtem Naserümpfen. Sowas könnte man nur in einem Generalisten-Geschäft irgendwo am Stadtrand bekommen.

Es geht also schon mit etwas Aufregung von unserer tollen kleinen Unterkunft die 2,5km zum Bahnhof, wir quälen uns in den Zug – und hören auf italienisch, dass wir keine Räder mitnehmen dürften. Nachdem uns die anderen Fahrgäste unterstützen, der Zug schon abfahrbereit ist und wir nach „nix verstehen“ aussehen, dürfen wir die 1-stündige Fahrt stehend im engen Auftritt zum Wagon verbringen und schlichten dabei die Räder von links nach rechts, je nach Einstiegsplattform. Die Geschichte mit der FER ist nämlich die: Tickets gibt es vor Ort in einer kleinen Trafik, am Bahnhof ist nix. Mitnehmen dürfte man die Räder nur dann, wenn die Bahn mit 2 Wagons fährt – was nicht verifizierbar ist. Die Einheimischen sehen es locker und fackeln nicht lange – ein Mitreisender wuchtet sein Rad auf den Abtritt und hört dem Schaffner nicht einmal zu – so fahren wir abenteuerlich nach Ferrara.

Nach soviel Aufregung zu Beginn verläuft der Rest des Tages komplett friedlich – eine Erholung am Samstag nachmittag!

Vom Bahnhof in Mailand nehmen wir den Radweg durch die Stadt – es ginge zwar auch die U-Bahn, doch wir genießen den Weg vorbei an Scala, Dom und durch die malerische Innenstadt. Gut 6km führt der Weg einmal quer durch, bis wir an der Porta Genova auf den „offiziellen“ Radweg stoßen. Und nein, er ist nicht markiert. Es ist zwar ein Radweg, aber „Ciclopista Po“ oder irgendwas ähnliches wird man vergeblich suchen. Wir verlassen also die Stadt und ziehen Richtung Pavia, was uns entlang von 2 langen Kanälen führt. Man merkt den Samstag nachmittag – der Radweg ist voll mit Familien oder Trainierenden.

Pavia ist unsere erste Station am Weg ins Po-Delta und nach ca. 84km erreichen wir unser Hotel knapp außerhalb des Stadtzentrums.

Vom nächsten Tag wissen wir schon im Vorfeld, dass es zwischen Pavia und Stradella keine Markierungen gibt. Der „Po-Radweg“ ist hier nicht mehr als ein Vorschlag, wie man auf wenig befahrenen Straßen schlussendlich zum Po-Damm kommt. Erschwerend kommt dazu, dass viele Kreisverkehre gebaut wurden, Straßen verlegt etc. – wir stehen also viel und versuchen, mit Karte und Navi den Weg zu finden. Was gut gelingt, bei der brütenden Hitze aber durchaus auch anspruchsvoll ist. In San Zenone al Po stoßen wir das erste Mal auf denselben – 130km nach dem Start! Von nun an begleitet uns meist der Po-Damm – heißt Schotter oder Asphalt und so gut wie kein Schatten. Wobei alles gut befahrbar ist, außer ein Stück gleich am Beginn des Dammes – hier fordern Sonne, Hitze und tiefer Boden viel ab.

Ab Corte San Andrea (160km ab Mailand) taucht dann die erste Beschilderung auf. Hier ist der Damm bis Piacenza toll ausgebaut und wird von den Italienern auch intensiv genutzt – auch das alles neu, und wir können nach langer Tour (104km) entspannt nach Piacenza rollen.

Tag 3 soll der längste werden – 120km stehen am Tagesplan, bis nach Parma soll die Reise gehen. Sie beginnt gut am Damm, wenn auch mit steigender Hitze. In diesen Tagen bleibt die Temperaturanzeige am Tacho ab mittags nicht unter 44°C. Auch hier ist wieder viel neu gebaut – der Damm ist zwar schottrig vom Untergrund, aber gut befahrbar. Der „neue“ Weg ist allerdings um gut 10km länger als das Tourenbuch zeigt – wir kommen gut bis 17km vor Cremona, dann reißt die Beschilderung ab und wir finden uns auf einer Strada Provinciale wieder, die wir schließlich auch nehmen. Damit brauchen wir allerdings 67 statt 53km bis wir in Cremona landen. Weiter geht es Richtung Parma, doch dieser Abschnitt wird eine Tour de Force. Bis San Daniele Po führt uns wieder der Damm, dann überqueren wir den Po und radeln Richtung Süden nach Parma. Den Radweg finden wir erst vor Parma wieder – und beschließen den Tag schlussendlich mit 138km. Notgedrungen, denn nach Cremona hätte es keine Unterkunft mehr gegeben. Aus heutiger Sicht – und bei so heißem Wetter – wäre ein Tag mehr und eine Übernachtung in Cremona sinnvoll, vor allem weil auch die Strecken länger sind. Man kann auch den Abstecher nach Parma ganz auslassen und am Po-Nordufer (Sinistra Po) weiterradeln, wobei man dann in Vidana wieder auf die beschriebene Route kommt. Dabei erspart man sich schätzungsweise 30km.

Tag 4 bringt uns von Parma in den Norden nach Mantua. Los geht es, wie wir denken, einfach aus der Stadt – diese Verbindungen sind ja, wie beschrieben, einfach Touren auf Nebenstraßen und gar nicht beschildert. Wieder stehen wir öfter um uns zu orientieren – und erkennen, man kann sich auf kerzengerader Straße verfahren, weil das Restorante, wo man abbiegen sollte, nimmer da ist. Aber das ist mittlerweile kein Problem mehr – Karte, Navi und schon haben wir die Verbindung nach Brescello gefunden, wo wir wieder an den Po kommen. In dieser Gegend wurden übrigens die Don Camillo und Peppone Filme gedreht! Über die Brücke geht es nach Vidana und nun begleitet uns der Damm buchstäblich bis ins Delta – mit Ausnahme des Ausfluges nach Mantua natürlich.

Und das ist eine Reise auf jeden Fall wert! Nach 98km sind wir dort endlich am Ziel – und freuen uns über eine lässige Herberge mitten am Hauptplatz.

Die nächsten beiden Abschnitte auf der Tour sind eher kurz (56km bis Ostiglia und 78km nach Ferrara), was aber auch mit den Übernachtungsmöglichkeiten zusammenhängt. Wenn man die Tour plant, sollte man sich genau überlegen, wo man einen Stopp einlegen will, um böse Überraschungen zu vermeiden. Auch sollte man sich bewusst sein, dass in Italien „Siesta“ gilt – bis 12:30 spätestens und ab 15:00 frühestens sind Geschäfte in den kleinen Orten offen. Dazwischen heißt es: an Bars auftanken. „Quattro bottiglie di acqua minerale frizzante, per favore“ – der wichtigste Satz alle 1 ½ Stunden. Dazu „succo di limone“ oder ein Energy-Drink …. man wird fast zum Kamel auf dieser Tour.

Ostiglia und natürlich Ferrara sind sicher Highlights – Ostiglia weil Erholung nach den langen Etappen gut tut, und wir dort ein tolles Hotel mit hervorragender Pizzeria finden; Ferrara ist aufgrund der touristischen Attraktionen eine Reise wert – ganz abgesehen von der Kulinarik.

Von Ferrara geht’s es direkt Richtung Delta, wobei wir in Mesola stoppen und den Weg nach Codigoro nehmen (gesamt 98km). Wie am Beginn der Tour übernachten wir dort – im selben B&B, dort konnten wir auch das Auto stehen lassen.

Der letzte Tag führt uns dann auf eine Runde ins Po-Delta – ein „Muss“ als Abschluss! Von Codigoro geht es über Pomposa nach Goro und Gorino ans Ende des Po-Radweges, dann um die Lagune (Sacca di Goro) an die oberitalienischen Lidi bis Comacchio und retour nach Codigoro. So eine Tour sollte man sich unbedingt als Abschluss noch gönnen, um das italienische Flair richtig aufzunehmen.

Gesamt hat uns die Reise fast 750km durch Oberitalien geführt, durch attraktive, geschichtsträchtige Städte, ländliche Gebiete und unendliche Weiten entlang des Po-Damms. Immer spielt der Fluss die wichtigste Rolle und dominiert das Leben.

Touristisch ist der Radweg nicht erschlossen, was nicht verwundert. Er ist aber ein spannendes Abenteuer mit viel Charme – ein echter Italiener eben.

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