Von Venedig nach Rom!

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Und das per Rad in 10 Tagen – geht super, auch in der Junihitze!

Ein bisschen Logistik ist zwar erforderlich, aber alles gestaltet sich völlig problem- und reibungslos. Wir starten per Auto Richtung Venedig und fahren dabei nach Jesolo/Punto Sabbioni. Hier gibt es bewachte Parkplätze um 5-7 Euro pro Tag und der Weg zur Fähre (Linie 14) beträgt 100 – 200m. Also bleibt das Auto dort, die Räder werden bepackt und es geht nach Lido di Venezia, wo die Radreise endlich beginnen kann.

Man fährt entlang der Lagune von Venedig (und kann sich nicht verfahren!) und braucht dabei 2x eine Fähre – von Alberoni nach San Pietro in Volta und von Pallestrina nach Chioggia. Zwischen San Pietro und Pallestrina kann man sich übrigens Zeit lassen – es sind 8km, die zweite Fähre fährt allerdings 20min nach Ankunft der ersten in San Pietro von Pallestrina ab, die nächste geht 1 Stunde später. Zeit für eine Eis/Kaffee/Wasser-Pause. Oder um sich die Schauplätze eines Donna Leon-Krimis mit Commissario Brunetti anzusehen, der illegale Muschelfischerei zum Thema hat.

Chioggia hat als kleine Schwester Venedigs eine attraktive Innenstadt bei etwas weniger Tourismus. Es begegnen uns aber viele Tagesausflügler.

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Chioggia

Es gibt übrigens keinen offiziellen Radweg für die Strecke, wohl aber ein Bikeline-Radtourenbuch, das eine Route empfiehlt. Wir fahren aber auch mit Karte um teils bessere Alternativen zu nutzen.

Von Chioggia führt die Strecke nur wenige Meter über die SS309 – nämlich über den Fluss Brenta – und biegt sofort nach der Brücke in einen kleine Weg Richtung Westen. Hier geht es dann entlang des Canale die Valle bis zur Adige, über die Brücke und wieder sofort nach rechts haltend auf kleinen Straßen nach Loreo. Von hier nehmen wir allerdings die sehr gut befahrbare SP45 nach Adria, einem typischen italienischen Ort, der einst der Adria seinen Namen gab. Hier floss der Po einst in das Meer.

Aus Adria hinaus geht es nach Süden, Richtung Bottrighe, über die Brücke über den Po di Venezia und entlang dieses Po-Arms nach Adriano nel Polesine, wo nach etwa 85km der erste Radtag für uns endet.

Tag 2 führt weiter entlang des Po di Goro bis Mesola, wo wir mit der SS309 die Brücke nach Mesola queren und den lokalen Radweg nach Bosco Mesola und weiter an den Lido di Volano finden. Ein Stück weiter südlich, in San Giuseppe entscheiden wir uns, nicht den vorgeschlagenen Weg nach Comacchio und rund um den See mit seinen Fischkulturen zu nehmen, sondern entlang der Küste und der Lidi zu fahren. Das geht problemlos und wir stoßen beim Fiume Reno wieder auf den vorgeschlagenen Radweg, der nun ebenso entlang der Adria weiter nach Süden bis Punta Maria Terme und von dort westwärts nach Ravenna führt. 101km sind es für uns bis dahin.

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Auch Ravenna hat einen schiefen Turm!

Wir verlassen Ravenna (Tag 3) über die Via Rubicone und die Via Romea, überqueren ein Flüsschen und die SS71 und fahren vor der großen Brücke Richtung Westen in die Via Argine Sinistro, die uns entlang des Damms des Fiume Montone nach San Pancrazio und über weiterhin flaches, landwirtschaftlich geprägtes Land nach Faenza bringt. Auch sie ist eine etruskisch/keltische Stadt und war einst ein wichtiges, wirtschaftliches Zentrum. Kunstvolle Keramikwaren (Majolika-Kunst) machten Faenza einst bekannt.

Von Faenza nehmen wir die SP302, die uns direkt über Brisighella nach Marradi führt. Die SP302 ist sehr gut zu befahren, steigt stetig, aber „angenehm“ (3-4%) und bringt uns rasch über die ersten 400hm der notwendigen Apenninüberquerung. Nach etwa 82km ist an diesem Tag Tourende.

Tag 4 bringt die bange Frage: wie schlimm wird’s? Jetzt steht nämlich die Etappe über den Apennin nach Florenz auf dem Programm. Und gleich die Antwort: kein Problem! Der erste Pass (Passo del Colla) liegt auf 913m und wir fahren mit 4% Steigung im Schnitt dem Höhepunkt zu. Die steilsten Teile sind ganz kurze 6-8% Stücke in Kurven. Auch hier bleiben wir durchgängig auf der SP302 bis Borgo San Lorenzo, wo es bei 38°C einen verdienten Eisstopp gibt.

Weiter auf der SP302 und über Polcanto nehmen wir den Passo del Croci, der mit 520m weniger hoch, aber etwas steiler ist (5% im Schnitt) – auch hier gilt, gut zu fahren, keine bösen Überraschungen.

Ab Vetta del Croci verlassen wir die SP302 und folgen den Wegweisern nach Fiesole, der „kleinen Schwester“ von Florenz. Von hier ist es nur noch ein Katzensprung in die Hauptstadt der Toskana – 70km lautet nun die Tagesleistung.

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Der Dom von Florenz

Tag 5 wird gleich mit dem Start hektisch – erstens muss man per Rad durch eine italienische Stadt, zweitens quer durch die sehr eingeschränkt passierbare Innenstadt zum Arno und drittens sollte man den Weg raus finden, was bei nicht oder kaum vorhandenen Straßennamen und jeder Menge Baustellen eine Mammutaufgabe darstellt.

Also entscheiden wir uns wieder nicht Nebenstraßen mühsam zu suchen, sondern über „normale“ Straßen über Casa Nuova, San Piero a Ema, Ponte a Ema, Grassina nach Capanuccia zu kommen (SR222, SP56), was auch gut gelingt. Von dort schlägt der Bikeline eine Tour über die Weinberge vor, wir bleiben allerdings auf der SP56 nach San Polo in Chianti. Die Wege abseits sind in Italien nämlich des öfteren Bombenkratern gleich und heben nicht gerade die Freude am Fahren.

Überraschend kommt dann doch, dass der Ritt über die Chianti-Weinberge („Weinradweg“) höher und steiler hinaufgeht als auf den zweiten Apenninpass. Wir klettern auf über 600hm, haben die meiste Zeit Steigungen zwischen 8 und 9% und registrieren einen Schnitt von 5%. Das ist schon schön fordernd. Ein längeres Stück genießen wir dann das Arnotal entlang von Pigline Valdarno, Montevarchi und Levane. Dann geht es wieder „über alle Berge“ weiter die SR69 nach Ponticino, Indicatore und schließlich Arezzo – 85km und über 1000hm in der Hitze.

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Ansicht Arezzo

Die Frage am 6.Tag ist, ob wir entlang des „Arno-Radweges“ (eigentlich Canale Maestro della Chiana – verbindet Arezzo mit Chiusa) weiterfahren wollen. Dazu müssten wir wieder 4km retour und entlang des unbefestigten Weges am Damm nach Süden. Wir suchen uns allerdings wieder ein gut befahrbare Straße, nämlich zuerst die Verbindung nach Olmo und von dort die SR71 über Puliciano und Rigutino vorbei an Castiglion Fiorentino nach Cortona, dem wir auch einen Besuch abstatten. Die 200hm hinauf in den Ort (erinnert etwas an San Marino) gehen problemlos mit konstant 4%, die Straße schlängelt sich dabei um den Berg.

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Cortona

Steiler als es hinaufging, muss man nach Cortona ins Tal nach Ossaia und in Bivio Riccio auf den Trasimeno Radweg an den Lago Trasimeno, dem man ganz am Ufer bis Torricella folgen kann. (70km)

Am 7.Tag nehmen wir von dort aus den direkten Weg nach Magione, was eine 12% Steigung bei „Kaltstart“ bedeutet. „Aufheizen“ können wir uns allerdings gleich im Anschluss, den da beginnt der Verkehrswahnsinn vor Perugia gepaart mit der Schwierigkeit, den richtigen Weg zu finden.

Nachdem wir Perugia, Assisi und Spello bereits tagelang durchwandert und erradelt sind, bleiben wir im Süden der Ebene und fahren über die SP403 und Passaggio nach Bevagna, das im Verbund mit den schönsten Dörfern Italiens steht – zu Recht!

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Bevagna

Weiter geht es an diesem Tag von Bevagna entlang eines Kanals (Fiume Teverone) bis Trevi, das majestätisch auf einem Hügel thront. (75km)

So kann man den 8.Tag mit gemütlichem „Warmlaufen“ beginnen, denn der Weg am Kanal geht weiter bis Spoleto, das ebenso eine Besichtigung wert ist! Wer das tut, ist gut beraten die Via Lenin parallel zur SR418 bis Crocemarroggia zu nehmen. Ansonsten schlägt Bikeline eine Strecke über San Nicolo, Sant‘ Angelo in Mercole und San Martino vor, die wir bis dorthin auch nehmen. Mit schlechten Straßen und 7% Steigung im Schnitt. Von San Martino fahren wir nach San Giovanni di Baiano und weiter nach Crocemaggiore, von wo es nun richtig zur Sache geht. Gut 10km mit 7% Steigung im Schnitt und 12% als steilste Teile warten. Dazu schlechte Straßen und Hitze – Italien und Terni im speziellen wollen erobert werden. Laut Bikeline geht die Einfahrt nach Terni über die Bahnstrecke – mit einer Überraschung: über 14% Steigung!

Von Terni nach Narni gibt es 2 Möglichkeiten: kleine Nebenstraßen (mit Löchern im Straßenbelag, in denen man Autos versenken könnte) oder die SS3, die man am Ende ohnehin nach Narni hinaufklettern muss („gemächlich“ mit 4%). Nach 75km und vielen Höhenmetern ist dieser Radtag zu Ende.

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Narni

Am vorletzten Tag wollen wir bis Torrita Tiberina fahren, denn die Strecke von Terni bis Rom (ca. 160km laut Bikeline) hat 2 ordentliche Berge, Torrita Tiberina liegt dazwischen im Tal am Tiber. Außerdem sind wir hier im ländlichen Italien, also muss man bzgl. Unterkunft etc. schon ein bisschen planen. Es geht also immer nach Süden und einfach dahin, wir müssen uns nur die größeren Orte merken und den Hinweistafeln dahin folgen, denken wir. Die wichtigsten dabei: Poggio Catino und Poggia Mirteto. Von letzterem „Hügel“ geht’s nach Torrita Tiberina.

Das ganze Abenteuer geht gut los, bis Calvi dell’Umbria geht es noch in Umbrien dahin, gleich danach sind wir in Latium. Wir schlucken alle Berge, radeln mit 5% Schnitt und 12% steilste Teile über sehr, sehr schlechten Asphalt und orientieren uns nach Poggio Catino und Poggio Mirteto, die sind wunderbar angeschrieben. Bis uns die auf einmal gute Straße auffällt und das Hinweisschild, das Mirteto vor Catino zeigt. Das kann nicht stimmen. Und tatsächlich, man führte den Verkehr anders, wir sind schon knapp vor Torrita Tiberina. Und ja, hier sehen wir erstmals den Tiber und ja, „im Tal“ – aber der Ort darf wieder über 4km mit 4% Steigung erklettert werden. Man gönnt sich ja sonst nix. Aber auch nach diesen 60km schmeckt ein Bier herrlich.

Tag 10 heißt auf nach Rom. Wir suchen den Weg von Torrita Tiberina nach Sant’Oreste wie im Bikeline beschrieben, was zunächst sehr gut geht. Dann kommt die Überraschung, die im Bikeline mit „Abzweig unbefestige Straße“ eher flach gehalten wird. Es kommen etwa 5,5km die zunächst über tiefen, ausgewaschenen Schotter über 12% Gefälle wirklich steil nach unten gehen, was mit dem Gepäck nicht ganz so kommod ist, dafür geht es dann mit bis 14% Steigung nach Sant’Oreste. Die „Hollywood“ und „Friedensfahrt“ des letzten Tages fordert ziemlich.

Um wieder ins Fahren zu kommen, nehmen wir den angeschriebenen Weg nach Rom und folgen der SS3 über Rignano Flaminio bis Montelarco, wo wir auf die SP14 nach Westen Richtung Magliano Romano wechseln. Weiter geht es über die Via Solfatare nach Sacrofano direkt nach Süden. In diesem ehemals heiligen abgeschiedenen Ort (sacrum fanum) wartet nocheinmal eine Überraschung: ein Gefälle von 22%, kurvig und in der Stadt, was mit Gepäck echte Freude bereitet….

Prima Porta vor den Toren Roms geht namentlich auf das Mittelalter zurück, wobei ein römischer Bogen aus dem 4.Jahrhundert namengebend ist. Dieser findet sich in Labaro, angelehnt an eine Kirche. Der Straßenverlauf ist übrigens so angelegt, dass man vom Ort Prima Porta dort vorbeikommt und am Bahnhof in Labaro auf den Tiberradweg nach Rom wechseln kann.

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Prima Porta – Reste des Bogens

Rom – je näher man der Stadt kommt, desto mehr Müll breitet sich links und rechts des Weges aus, desto hektischer wird es, und desto mehr ist der Tiberradweg Platz/Schlafplatz/WC für Obdachlose. Im Herzen von Rom ist es wie immer laut, lustig, voll mit Touristen, bunt. Nach 75km auch ein gutes Ziel.

Wie kommt man retour? Sehr einfach – mit Regionalzügen (Radmitnahme möglich, muss man nicht buchen) von Rom nach Florenz, Florenz – Prato, Prato – Bologna, Bologna – Venedig. Man muss mit gut 8 Stunden Fahrzeit rechnen.

Vom Bahnhof in Venedig sollte man gleich die 1,5km nach Tronchetto/Fahrhafen nehmen. Die Fahrt mit Booten dorthin ist möglich, allerdings werden Räder nur bei genügend Platz mitgenommen. Die Fähre geht bis Lido, von wo die Linie 14 nach Punto Sabbioni fährt.

Fazit: es waren 800km mit 6100 Höhenmetern, eindrucksvoll, faszinierend und sportlich herausfordernd. Und: bella Italia in vollen Zügen!

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